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Die Köchinnen von Fenley von Jennifer Ryan

Vier unterschiedliche Frauen, die alle ein Ziel verfolgen: Einen Kochwettbewerb gewinnen. Der Gewinnerin winkt eine Stelle als Co-Moderatorin bei der Radio-Sendung "Kitchen Front". (Werbung)

Der Alltag wird in ganz Europa vom Kriegsgeschehen eingeschränkt. Lebensmittel werden rationiert und machen es den Hausfrauen schwer, gute Gerichte auf den Tisch zu bringen. So auch in Kent. Mitten im Geschehen sind vier Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und auf den ersten Blick nichts gemein haben.

Audrey, Witwe und alleinerziehende Mutter von drei Jungs, lebt im Willow Lodge, dessen Dach dringend repariert werden muss. Das Geld, das sie mit dem Verkauf von selbst gebackenen Pies verdient, reicht gerade mal für die täglichen Bedürfnisse. Und auch das ist schon schwer genug, denn alles ist rationiert. Gut, dass sie einen großen Garten mit Hühnern und Bienen hat. Der versorgt ihre kleine Familie immer mit frischem Obst und Gemüse.

Gwendoline, Audreys Schwester, ist durch Heirat eine echte Lady geworden, die in Fenley Hall residiert und keine Not leidet. Vielleicht ein wenig, weil alle Bediensteten den herrschaftlichen Haushalt verlassen mussten, um in den Krieg zu ziehen oder in kriegswichtigen Einrichtungen zu arbeiten. Aber sonst scheint es ihr an nichts zu fehlen.

Nell ist Küchenhilfe in Fenley Hall und bereitet zusammen mit Mrs Quince die köstlichsten Mahlzeiten für Sir Strickland, Lady Gwendoline und deren Gäste zu. Auf Ersatzprodukte wie z B Eipulver müssen nur selten zurückgreifen.

Zelda, eine forsche Rothaarige, ist zu Höherem berufen. Schon vor dem Krieg hat sie in renommierten Londoner Restaurants gekocht. Eigentlich sollte sie jetzt ebendort als Küchenchefin arbeiten, wäre sie nicht schwanger geworden. Auf der Suche nach einer Arbeitsstelle hat sie ihr Weg nach Fenley geführt. Dort leitet sie die Kantine in einer Pie-Fabrik, die Sir Strickland gehört.

Buch Die Köchinen von Fenley. Im Hintergrund sind Küchengerätschaften zu sehen.

1. Runde: Vorspeise

Wie bei einem erstklassigen Menü lerne ich die vier Frauen, die alle auf die ein oder andere Art miteinander verbunden sind, bei jedem Gang besser kennen. Ich teile Audreys alltäglich Sorgen. Über die Jungs. Über das marode Haus. Über ihre Schulden, die sie bei Sir Strickland machen musste. Und ich nehme Anteil an ihrer Hoffnung, dass ihr gefallener Ehemann vielleicht doch noch leben könnte.

Auch bin ich bei Mrs Quince und Nell in der hochherrschaftlichen Küche. Alle Arbeiten, die in einem Herrenhaus anfallen, lasten auf Nells jungen Schultern. Dabei gilt ihre ganze Leidenschaft dem Kochen. Noch ist Mrs Quince die erste Köchin im Haus, doch viele Handgriffe fallen ihr zunehmend schwer. Wie gut, dass Nell ihr zur Seite steht und alles das erledigt, wozu die alte Köchin nicht mehr in der Lage ist. Auf diese Weise ergänzen sich die beiden. Nell ist eine tatkräftige Stütze für die betagte und gebrechliche Köchin und Nell lernt von ihr alle Geheimnisse, die ein gutes Mahl ausmachen. Die eine ist Mentorin, die andere Schülerin. Was die beiden aber eint, sind Vertrauen, Freundschaft und das Gefühl, in der anderen eine Familie zu haben.

Lady Gwendoline aber ist das ganze Gegenteil von den beiden Frauen. Sie ist herrisch, kaltherzig und arrogant. Wäre sie eine Mahlzeit, würde ich die zurückgehen lassen. So etwas mag ich nicht. Sie erfüllt eben das Klischee einer vornehmen Dame der gehobenen Gesellschaft: Contenance bewahren, immer lächeln und jegliche Sorgen in einem Winkel des Herzens sorgfältig verschließen.

Zelda scheint da ganz anders. Sie macht aus ihren Herzen keine Mördergrube, tritt selbstbewusst auf, weiß einfach, wo es lang geht. Wäre da nicht das ungewollte Kind. Das macht ihr zwar einen Strich durch die Rechnung, ist aber nur ein kurzes Intermezzo. Denn wenn das Kind erst einmal geboren ist, wird sie es zur Adoption geben und ihren Weg weiter folgen. Oh je, das arme Kind, denke ich beim Lesen. Und: Wie kann eine Mutter nur so hart sein.

Und dann kommt der Tag, an dem die Vorspeisen für den Kochwettbewerb präsentiert werden sollen. Jede der vier Frauen hat sich ein einzigartiges Rezept einfallen lassen. Kitchen-Front-Morderator Ambrose Hart probiert und vergibt Punkte:

  • Audrey gewinnt diese Runde mit ihrer Pilzsuppe
  • Zweites wird Nells scharf angebratener Hase mit Holunderweinsauce
  • Den dritten Platz machen Zeldas Coquilles St. Jacques
  • und Verliererin ist Lady Gwendoline mit Sardinenpastetchen

Ich freue mich für Audrey. Die hat wirklich ein wenig Glück verdient. Gleichzeitig kann ich mich nicht gegen die Schadenfreude wehren, dass Lady Gwendoline verloren hat. Recht so!

2. Runde: Hauptgericht

Wenn die Vorspeise Appetit auf weitere kulinarische Genüsse gemacht hat, die aus der Küche kommen werden, so bin ich sehr auf das Hauptgericht gespannt. Was werde ich wohl über die vier Frauen noch erfahren?

Inständig hoffe ich für Nell, dass sie mehr Selbstbewusstsein bekommt und beim Wettbewerb frei sprechen kann. Sonst wird es nichts mit der Stelle bei Kitchen Front. Denn in der ersten Runde muss Mrs Quince das Gericht, dass sich Nell ausgedacht und alleine gekocht hat, präsentieren. Nell kann vor Aufregung nur stottern.

Auf Audreys falsches Hühnchen bin ich sehr gespannt und drücke ihr die Daumen. So gut wie die Pilzsuppe will ihr dieses Gericht aber nicht gelingen. Denn in ihrem Leben gibt es zwei große Veränderungen. Zum einen wird Zelda bei ihr einquartiert, zum anderen bekommt sie die endgültige Bestätigung dafür, dass ihr über alles geliebter Mann nicht mehr am Leben ist.

Der erste Umstand erweist sich als Glücksfall, denn Zelda ist gar nicht so hart, wie sie immer tut. Im Zusammenleben mit Audrey und den Jungs kommt ihre weiche Seite zum Vorschein. Das Zweite aber ist ein echter Rückschlag. Ausgerechnet am Tag der Präsentation bekommt Audrey diese schlimme Nachricht. Ich fühle von ganzem Herzen mit ihr. Es wäre ein Wunder, wenn sie in einem solchen Schockzustand noch ein preisverdächtiges Gericht auf die Bühne bringen würde.

Gwendolines Biskuitkuchen ohne Ei aus dem Roman Die Köchinnen von Fenley
„Die Köchinnen von Fenley“, S. 280 + 281, KiWi-Verlag

Wenngleich Zelda mitfühlend Audrey zur Seite zur Seite steht, ist diese dennoch eine Konkurrentin, die es auszustechen gilt. So gibt sie ihr Bestes, um mit einer Frühstücksfleisch-Wild-Pie zu punkten. Fast hätte sie es geschafft, wäre da nicht Nell.

Nell ist wahrhaft eine Meisterin in der Küche. Sie versteht es, mit Aromen zu spielen und den Genießer Ambrose zu überraschen. Kein Wunder also, dass sie mit ihrem Kaninchen-Cacciatore diese Runde gewinnt – wenn die Liebe den Kochlöffel rührt, ist wirklich alles möglich.

Und, was soll ich sagen, Lady Gwendoline bekommt wieder die wenigsten Punkte. Dabei hatte sie auf einen Sieg gehofft. Sie musste einfach gewinnen. Nicht nur um ihretwillen, nein, auch um es Sir Strickland zu beweisen. Damit dies gelingen möge, engagiert sie einen Spitzenkoch aus London, der ihr in der Küche zur Hand geht. Und tatsächlich ist ihr Pie mit Walfleisch und Pilzen preisverdächtig. Wäre da nicht eine geheime Zutat, die Spitzenkoch James dem Gericht zugefügt hat und sich partout weigert, diese zu verraten. Das riecht förmlich nach Betrug, was es ja auch ist.

3. Runde: Dessert

Ein Dessert rundet ein Menü ab. Es ist das große Finale, nachdem sich der Gast zufrieden zurücklehnt und mit der Welt im Reinen ist. Und genau das erlebe ich beim Lesen dieses Kapitels. Lady Gwendoline entpuppt sich als verbitterte Ehefrau, die so manches während ihrer Ehe mit Sir Strickland ertragen musste und schließlich eine Konsequenz daraus zieht. Und so wird aus einer herrschsüchtigen, arroganten Lady Audreys mitfühlende Schwester.

Da Gwendoline diesen schwerwiegenden Schritt nicht ohne Nell hat tun können, muss diese ebenfalls Fenley Hall verlassen. Und so kriechen beide bei Audrey unter. Nur für eine Nacht. Morgen würde man weitersehen. Aus einer Nacht werden zwei und schließlich eine Frau-WG, in der Audreys Pie-Bäckerei vorangetrieben wird. Gwendoline erweist sich dabei als sehr geschäftstüchtige Hilfe, die dank ihrer hervorragenden Kontakte schnell neue Abnehmer auftreibt.

Zelda, die mittlerweile hochschwanger ist, professionalisiert die Produktion. Das hat sie schließlich in den großen Hotelküchen gelernt. Und Nell unterstützt Audrey tatkräftig beim Anfertigen der Füllung. Da ist sie ganz in ihrem Element.

Trotzdem sind die Köchinnen noch immer Konkurrentinnen um die heiß begehrte Stelle als Co-Moderatorin. Doch je mehr Zeit bis zur Präsentation vergeht, desto mehr rückt der Wettbewerb in den Hintergrund. Das Zusammenleben unter einem Dach hat aus den vier Frauen Freundinnen werden lassen. Wie können sie da noch gegeneinander antreten. Dennoch bereitet jede ihr eigenes Dessert für das Finale zu.

Eins erscheint mit leckerer als das andere. Endlich geht Zelda bei dieser Runde mit einer Croquembouche als Gewinnerin hervor. Und das kann ich mir auch sehr gut vorstellen. Denn seit ich Teatime bei Bridgertons rezensiert habe, träume ich davon, dieses luftig-leichte Dessert einmal selber zu machen. Vor meinem geistigen Auge erscheint deshalb auch sogleich ein Bild. In Zeldas Kriegsvariante erscheint es mir sogar noch verführerischer.

Doch wird die Gesamtpunktzahl ausreichen, damit Zelda Co-Moderatorin von Kitchen Front wird.

Nells Sommerpudding erhält den zweiten Platz. Mir erscheint dieses Dessert nicht ganz so attraktiv wie die Desserts der anderen beiden, dennoch kann ich es mir sehr gut vorstellen. Die englischen Puddings werden mit Brotscheiben und einer Fruchtfüllung gemacht. Das habe ich vor einem Jahr nach einem Rezept aus Fortnum & Mason: A Very British Cookbook schon einmal gemacht. Very British eben, aber nicht so ganz mein Geschmack.

Audrey punktet mit einem Apfel-Honig-Kuchen, den ich unbedingt zum Nachbacken empfehle. Und Gwendoline belegt mit ihrer falschen Aprikosen-Tarte erneut den letzten Platz. Doch diesmal macht es ihr nicht allzu viel aus. Erstens gibt es keinen Ehemann mehr, der ihr die Hölle heißmacht, weil sie verloren hat. Und zweitens hat sie bereits andere Pläne, bei denen eine Stelle beim BBC keine Rolle spielt.

Und wer gewinnt nun den Wettbewerb?

Gwendoline ist es nicht. Das hatte ich nicht anders erwartet. Die Daumen habe ich Audrey gedrückt, weil sie einfach eine Portion Glück verdient hat. Auf Nell wartet die Liebe und vermutlich eine aufregende Zukunft. Und Zelda? Die wird ihren Weg machen, auch wenn sie die Stelle nicht bekommt.

Mein Fazit über „Die Köchinnen von Fenley“

Meistens lese ich Krimis. Doch ab und zu lese ich auch mal etwas anderes. Da suche ich mir dann gerne einen Roman aus, der irgendwie mit kochen zu tun hat. Beim Stöbern in einer Buchhandlung in meiner Nähe habe ich diesen kulinarischen Roman entdeckt. Mein Bauchgefühl hat dazu sofort ja gesagt. Recht hatte er!

Mit großem Vergnügen habe ich ein paar Monaten im Leben der Köchinnen von Fenley miterlebt. Ich habe deren Sorgen und Freuden geteilt, habe nach einem Todesfall Tränen vergossen und zusammen mit Audrey Nächte lang Pies gebacken. Kurz: Dieser Roman hat mich angerührt und gleichermaßen für sich eingenommen.

Mir hat es gut gefallen, dass dieser kulinarische Roman abwechselnd aus Sicht der vier Köchinnen erzählt wird. Nach fast jedem der kurzen Kapitel ist ein englisches Rezept mit rationierten Zutaten aus Kriegszeiten abgedruckt. Die Rezepte entstammen historischen Quellen. Insgesamt sind es 19 Rezepte, darunter viele Pie-Rezepte, Rezepte für Kuchen und Scones und natürlich auch die, die am Kochwettbewerb teilgenommen haben. Einige davon finde ich so reizvoll, dass ich sie wohl ausprobieren werde. Das liegt im Grunde auf der Hand, weil meine Leidenschaft ohnehin der englischen Küche gilt.

Dem Nachwort habe ich entnommen, dass die Sendung Kitchen Front ab 1940 täglich ausgestrahlt wurde. Einen Wettbewerb, um eine Co-Moderatorin dafür auszuwählen, hat es allerdings nicht gegeben. Kochwettbewerbe würden allerdings sehr oft veranstaltet. Einerseits dienten sie der Unterhaltung und andererseits lenkten sie die Bevölkerung von den Schrecken und Nöten des Kriegs ab.

Interessant an diesem wunderbaren Roman finde ich auch, dass hier ein anderer Aspekt des Zweiten Weltkriegs beleuchtet wird, über den es eher weniger Berichte gibt. Und weil mich neben kochen und backen auch Begebenheiten aus der Geschichte interessieren, bin ich hier voll auf meine Kosten gekommen.

Wenn du die Kombination aus Fakten und Fiktion genauso gerne liest wie ich, dann bin ich mir sicher, dass dir dieser historische Roman mit Rezepten gefallen wird.

Viel Vergnügen beim Lesen wünscht
Inga,
die Jahreszeitenköchin

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Verlagsangaben

Buchcover vonDie Köchinen von Fenley von Jennifer Ryan
Die Köchinnen von Fenley
Bild von KiWi

Jennifer Ryan: Die Köchinnen von Fenley

KiWi
512 Seiten
ISBN: 978-3-462-00392-5
erschienen am 6. Oktober 2022
übersetzt von Pauline Kurbasik

Bildnachweis

Titelbild: Inga Landwehr/Jahreszeitenkueche.de
Buchcover: Kiepenheuer & Witsch

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Werbung: ohne Auftrag, ohne Honorar
Ich versichere, dass ich diese Buchbesprechung aus eigener Motivation geschrieben habe. Ich habe das Buch in einer Buchhandlung in Bremen gekauft.


Portrait von Inga landwehr

Inga Landwehr kocht und backt seit 40 Jahren vegetarisch und vegan. Die Zutaten sind immer frisch, meistens bio und oft regional. Ihre besten Kochrezepte schreibt sie hier auf. Dabei achtet die zertifizierte Ernährungsberaterin auf gesunde Nahrung. Außerdem hat sie ein Faible für schöne Kochbücher und kulinarische Belletristik. Ach ja, Inga trinkt Tee.


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